Der Klang meiner Stille

Die Täler so tief und die Berge so hoch… So beginnt der Song von Barcley James Harvest “Hymn”. Beim Klang des ersten Tons geht mein Körper in Aufstehwollenstellung, meine Gedanken reisen 30 Jahre zurück und ein so wohliges Gefühl breitet sich aus, dass ich dann doch nur verweilen kann, verweilen muß. Hymn war das Abschlusslied, das zu meiner Teeniezeit im Jugendclub Meeting 71 gespielt wurde. Wenn dieses Lied erklang, war es Zeit, den Laden zu verlassen und so ziemlich gleich 22 Uhr.

Meeting-1916204_128917250475904_8287424_nAn der Theke Meeting 71, ca. 1984

Ich war bestimmt vier Jahre in diesem Jugendclub. Von dienstags bis freitags und vierzehntägig war samstags Disco! Ich war auch montags da, wenn ich Putzdienst hatte. Doch sonntags, da war unten zu. Immer, immer spielte zuletzt “Hymn”.

Der Jugendclub war im Keller des Gemeindezentrums. Um die kleine Tanzfläche gab es auf der einen Seite ein kleines Podest, auf dem alte Sofas standen, die jedoch später gegen kleine Tische und Stühle ausgetauscht wurden. Vom Sofa aus hatte man korrekt die richtige Aussicht auf die Tanzfläche, wenn da dann mal einer drauf war. Der DJ thronte darüber und hatte den ganzen Raum im Überblick. An der anderen Wand war einfach eine lange Holzsitzbank und hinter dem Gatter gab es auch ein, zwei richtige Tische.

Meeting-12371215_935856883116776_7721787962028569528_oAnne tanzt, DJ: Weihnachtsmann, 1996 (Danke Patrick für die zeitliche Einordnung des Bildes)

Man beachte bitte die Disco-Beleuchtung. Wir hatten alles… Bauleuchten, eine Glitzerkugel, Farbstrahler und Schwarzlicht! Eine zeitlang gab es im Nebenraum eine Teestube. Neben exotischem Tee aus dem Teesieb und Kandiszucker, gab es Hawaiitoast und Spiele in der Nichtraucherzone Teestube. Ich spielte dort gerne mit Ludi, dem Harley-Rocker und Sanka-Fahrer, Schach. Nur so richtig Spaß machte mir das Schachspielen nicht, viel zu anstrengend und Ludi gewann sowieso immer. Gehn wir rüber, eine rauchen…

Mitte der 80ziger war die Zeit, als die Rocker in Rente gingen, die Punker neben den Goth noch vereinzelt zu treffen waren und die neue Generation den Poppern gehörte. Im Meeting 71 gab es sie noch, echte Rocker, manche auch mit Mofa und Glitzer-Popper-Teenies. Bobbi war zu dieser Zeit DJ. Bobbi gehörte zu der älteren Generation, die selbst eher AC/DC hörte als Nena. Doch wir “Jungen” wollten Michael Jackson oder Modern Talking hören, manchmal NDW und so. Wir Mädels wünschten uns mehrmals täglich am Abend den Song Self Control von Laura Branigan. Zu Self Control hatten wir einen Tanz in Reihe eingeübt, so daß wir uns zu Dritt oder noch besser zu Viert auch mal auf die Tanzfläche trauten. Ach was warn wir cool… Bobbi spielte den Song wirklich täglich für uns. Generell gehörte Bobbi zu den ganz sicher gutmütigsten Meeting-Besuchern. Doch einmal hat es ihm wirklich mal gestunken. Er brach die Single Self Control in zwei Teile und warf sie über die Tanzfläche. Das war das erste und einzigste Mal, daß Bobbi böse war und das überhaupt eine Platte im Meeting durch die Luft flog! Später war dann ich Bobbi äh… DJ… äh… Djane. Die Technik bestand aus zwei Plattenspielern, zwischen denen man die Songs mit einem Hebel rübermischte. Während der eine Song lief, andere Platte auf den anderen Teller und rechtzeitig rüberblenden. Ganz einfach, konnte sogar ich bedienen. Ab 21 Uhr war Musikzeit für die “Alten”, also die ältere Generation. Anne war gerade mal nach oben gegangen und David ist da. David ist schlank, bestimmt fast 2 m groß, trägt Jeans und hat schulterlange blondes Haar. Meist verbrachte er seine Zeit damit, auf seine Freundin zu warten. Das bedeutet, man unterhält sich nicht in der Zwischenzeit mit anderen, sondern man sitzt da und wartet. Und wenn sie dann da war,  klebten sie ständig zusammen. Doch egal. Anne weg, David da – Aphrodite’s Child – The Four Horsemen auf dem Plattenteller, David auf der Tanzfläche. In aller Ruhe betritt er bei diesem Song die Tanzfläche… er wiegte ein wenig und im Refrain geht er ab und am Ende des Lieds sowieso. Seitdem sehe ich den Film “David tanzt soooo schön!”, wenn ich dieses Lied höre. Zwischenzeitlich habe ich wieder einen Schallplattenspieler und die LP 666 und lege sie manchmal auf. Ich wähle The Four Horsemen, sehe diesen Film… und meine Erinnerungen tanzen.

Anneliese HübschAnne, Anneliese Hübsch (01.10.1928 – 02.12.2015)

Ich denke an meine wundervolle, irre und doch erfüllte Jugendzeit im Meeting 71, mit allem Herzschmerz, Ärger und Spaß. Ich bin dankbar, dass es genau so war. Möglich gemacht hat es Anne. Anne war Messmerin des Gemeindezentrums, in dem sonntags der Gottesdienst stattfand. Scheinbar war sie damit nicht ausgelastet, denn sie gründete das Meeting 71 so Ende der 70iger im Keller des Gemeindezentrums. Die Gründergäste waren noch richtigen Rocker. Die, die auf Motorrädern mit Jobbe daherkamen und AC/DC und so hörten. In Eigeninitiative und Organisation von Anne wurde der Jugendclub mit Sitzgelegenheiten, Tanzfläche und Musikanlage gebaut. Die immer wieder benötigten Schallplatteneinkäufe und später natürlich die CDs, wurden durch den Getränkeverkauf finanziert. Auch Reparaturen und kleine Renovierungen wurden selbst bezahlt und gemacht. Das Meeting oder Anne selbst, bekamen keine anderweitige, auch keine stadtliche, Unterstützung. Anne kann stolz auf sich sein, das geleistet zu haben.

Sonntags war Anne in der Kirche, unter der Woche in der Disko (Meeting). Als ich das Meeting besuchen durfte, war Anne schon über 50 Jahre. Ihre Kinder waren außer Haus. Zusammen mit ihrem Mann betreute sie das Gemeindezentrum auch die Woche über, später dann alleine. Sie wohnte gleich daneben. Wir Teamer holten zum Öffnen des Meetings den Schlüssel bei ihr ab. Meist steckte ihr Haustürschlüssel, so daß man einfach reinging und rief “Ich hol nur schnell den Schlüssel”. Doch wer wollte, kam rein und wußte, Anne ist da. Und Anne hörte zu. An Anne war besonders, daß sie einem das Gefühl gab, man ist okay. Anne wußte, woher wir kamen, was wir so machten und wie wir so drauf sind. Dennoch Anne gab mir immer das Gefühl: Du bist okay und manchmal frage sie, was ist los? Ich möchte nicht wissen, wieviel Herzschmerz und auch Beichten sie sich über die Jahre hinweg anhörte. Mich begleitete Anne bei einem Schulwechsel. Nicht nur, dass sie sich meine Sorgen und Ideen anhörte, sie telefonierte auch mit den Schulen und managte es, dass ich im Halbjahr wechseln konnte.
Anne war immer und für jeden da, so daß ihre Familie da sicher etwas kürzer kam. Ihre Familie wurde auch das Meeting 71 und somit wir. Nein, wir nennen sie nicht Meeting-Mama, das mag sie nicht wirklich und sie weiß dennoch, daß sie es ist. Wir, das sind Jugendliche über Generationen hinweg. 25 Jahre begleitete sie Jugendliche und Erwachsengewordene, die gerne immer wieder zurückkehrten, in ihrem Meeting. Anne lebte Jugendarbeit und war uns eine Freundin und mir ein Vorbild. U.a. ist sie mir ein Vorbild “Hinzustehen”… Egal, wie groß die Kerle waren, die gerade meinten im Meeting Stunk zu machen. Anne zog ihre Brille ab, drückte sie irgendjemand in die Hand und ging auf die Kontrahenten zu und stand hin: Aufhören! Nicht nur einmal hat sie sich eine gefangen. Dennoch zog sie sich das nächste mal wieder die Brille ab und ging dazwischen. Weiter ist sie u.a. ein Vorbild für mich “Tun, weil man es Tun muß”. Sie rockte das Meeting ganz alleine. Ohne finanzielle Unterstützung und auch gegen manche Unkenrufe der städtischen Gemeinde. Sie umarmte den dicksten Rocker und auch das kleinste Mäuschen.

Am 02. Dezember 2015 wurde der Himmel um Anne reicher. Am 18. Dezember 2015 nahm ich Abschied von Anne. Ihre Urne wurde unter einem Baum beigesetzt, die Sonne schien und zum letzten mal hörten wir gemeinsam Hymn – Valley’s deep and the mountain’s so high…. Die Engel mögen ihr Peter Maffay Songs spielen und Gott sich auf so manche Unterhaltung freuen.

Die Feiertage, die Ruhe und Stille nutze ich, um zu trauern und vor allem zu gedenken. Ich lasse zu, was die Stille mir bringt. Ich mach mir noch schnell ein Hawaii-Toast mit Mayonaise und Paprikapulver und spiel noch einmal diese besondere Version von The Sound of Silence:

_____

“Die Tür ist offen – Das Herz noch mehr!”.

Danke Anne, daß es Dich für mich gibt!

Claire

PS: So manche Namen wurden zum Schutze der echten Personen geändert.

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3 thoughts on “Der Klang meiner Stille

  1. Oh my, vielen vielen Dank Claire, für diese Reise durch Zeit und Raum. Und das Öffnen der Schatzkammer deiner Erinnerungen und Gefühle.

    Und auch wenn der Anlass vielleicht ein eher trauriger ist, so ist doch die Zeit, Weihnachten – das Fest der Liebe, genau die richtige dafür. Sich zu besinnen und zu erinnern, auch und vor allem an die Menschen die wir lieben und die, manchmal, leider nur noch in unserer Erinnerung weiterleben. Aber dort leben sie und das ist wichtig. Vielleicht das Wichtigste überhaupt.

    Ich glaube, wenn wir zulassen, dass die Erinnerung an die lieben Menschen, die uns ein Stück auf unserem Weg begleiteten, verblassen, dann verblasst auch ein Stück von uns selbst.

    Fühl dich ganz fest umärmelt, Claire
    Nat

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  2. Eine Zeitreise, Nat hat es schon gesagt. Anhalten kann man die Zeit nicht, aber in der Erinnerung immer wieder zurückkehren. Wie gut, dass es Menschen wie deine Freundin Anne gibt und dass du sie kennen durftest. Alles Liebe auch von mir.

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  3. Danke Nat und Joey für die guttuende Worte! Ich glaube im Laufe der Zeit werden wir von immer mehr Menschen Abschied nehmen müssen. Manchmal tuts besonders weh. Um so wichtiger, sich die Erinnerung zu behalten und durch Teilen den Schmerz ein wenig zu lindern und das Ansinnen aufleben zu lassen. Anne und die Zeit mit ihr, war eine für mich sehr wichtige und prägendene Zeit und bleibt unvergesslich. Mit ihrem Einsatz und Arbeit des Meeting ’71 hat sie selbstlos über Jahre hinweg Jugendarbeit geleistet. Ich bin stolz und dankbar, sie zu kennen.
    Danke, dass ich diese Erinnerungen mit euch – auch Buk – teilen durfte! 🙂

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