Persönliches – Bundesteilhabegesetz (BTHG)

Claire’s Hutschnur platzt und äußert sich, weil:
Am 1. Januar 2017 soll das neue Bundesteilhabegesetz (BTHG) in Kraft treten. Das Bundesteilhabegesetz regelt die Eingliederungshilfe für Menschen, die in Folge einer Schädigung von Körperfunktionen und in Wechselwirkung mit bestehenden Barrieren in ihrer Teilhabe erheblich eingeschränkt sind. (Quelle: https://www.der-querschnitt.de/archive/23229?Meistgelesen=1).

Kurzum: Körperlich und oder geistig behinderte Menschen benötigen finanzielle Hilfe, um ihr Leben meistern zu können. Sie benötigen eine Unterkunft, Verpflegung, Hilfe und Förderung. Diese Menschen können aufgrund ihrer Behinderung ihr eigenes Leben nicht kostendeckend durch eigene Arbeitskraft erwirtschaften, darum benötigen sie Eingliederungshilfe. Im neuen Gesetzesentwurf soll es verschärfte Bedingungen zur Gewährung dieser Eingliederungshilfe geben.
Die Definition, wann eine erhebliche Teilhabebeschränkung vorliegt, wird verschärft. Danach müssen fünf von neun Lebensbereiche des Behinderten betroffen sein. Das bedeutet, dass man Geld sparen möchte und viele behinderte Menschen davon betroffen sind. Das bedeutet zum Beispiel, dass bei doch recht eigenständig lebenden behinderten Menschen, die wöchentliche “besondere Haushaltshilfe” nicht mehr kommt. Diese Haushaltshilfe putzt denen nicht die Wohnung oder eher das Zimmer, sondern unterstützt in alltäglichen Dingen und leitet auch an oder kontrolliert eben nur, um Schwachpunkte z. B. in der Hygiene, auszuräumen.

Gerade für geistig behinderte Menschen ist ein gewohnter Ablauf oft sehr wichtig, damit sie sich einigermaßen in ihrem Leben zurecht finden. Nach Gesetzesänderung ist fraglich, ob sie noch in ihrer bisherigen Wohngemeinschaft leben können oder aufgrund Kosten der Staat sagt, Du mußt jetzt in diese oder jene Einrichtung. Im Moment ist noch fraglich, ob auch “Altfälle”, also bestehende Wohnsituationen aufgrund der Gesetzesänderung betroffen sind oder nur “Neufälle” nach dem neuen Gesetz entschieden werden.
Das neue BTHG ist für mich also eine Verschlechterung! Betroffen sind hiervon körperlich und geistig behinderte Mitmenschen. Geistig behinderte Menschen können sich häufig nicht verbal äußern, sind aber von dieser Gesetzesänderung besonders betroffen.

Juliane Tutein hat auf dem Parzival Hof in Quelkhorn u.a. Jan Kufferath zur Änderung des BTHG interviewt. Er kann sich äußern und tut es. Das Interview kannst Du hier anschauen: https://www.aktion-mensch.de/magazin/gesellschaft/bthg-geistige-behinderung.html
Hier ein paar Zitate:
Jan Kufferath: “… verspricht mehr Teilhabe im alltäglichen Leben möglich zu machen. In Wahrheit aber genau dieses wieder verändert…”
Nicolas Ihmels: … die ganze Zeit in Einrichtung leben muss, wo der Staat dann sagt, da kommst Du hin, da bleibst Du jetzt, dass man sich das einfach nicht mehr aussuchen kann, wo man lebt.
Jan Kufferath: … Pflege soll vor Eingliederungshilfe kommen, dass man da Gefahr läuft gleich ins Pflegeheim zu kommen, obwohl man eigentlich selber arbeiten will und arbeiten kann, aber nicht so selbständig im Leben zurecht kommt…

Claire: Behindert sind wir alle in irgendwas und irgendwann. Ich bevorzuge eher die Beschreibung, wir sind alle irgendwie anders und einer braucht eben mehr Hilfe, um im Leben zurecht zu kommen. Jan Kufferath wohnt in einer Behinderteneinrichtung, dennoch blickt er sehr wohl, was da vor sich geht und kann sich äußern!

Körperlich und geistig behinderte Menschen sollen gleichberechtigt am Leben teilhaben können. Doch sind wir noch so weit davon entfernt. Diese Mitmenschen leben oft in “Einrichtungen”. Einrichtungen ist ein furchtbares Wort für mich. Es beschreibt eine Lebensmöglichkeit, um einigermaßen selbständig zu leben (und nicht mehr bei den Eltern). Es beschreibt, wie geistig oder auch körperbehinderte Menschen leben müssen. Im Film von Juliane Tutein sehen wir ein wenig von den Arbeitsplätzen der Bewohner des Parzival Hof. Diese scheinen mir recht “normale”  Arbeitsplätze und Tätigkeiten zu sein. Diese mögen vorbildlich sein und ich stelle mir die Wohnqualität der Bewohner auf dem Parzival Hof auch entsprechend vor. Häufig wohnen geistig behinderte Menschen in einem Zimmer, das mit Bett, Schrank und Tisch ausgestattet ist, nehmen ihre Mahlzeiten im Gemeinschaftsraum der Wohngruppe ein und pflegen sich in einem Mehrduschenbad. Das ist noch immer die Realität. Bessere “Einrichtungen” halten jedoch auch andere Wohnmöglichkeiten für geistig behinderte Menschen vor, wie z. B. eine kleine Wohnung, in der sie sich unterstützt, so gut wie möglich selbst versorgen und pflegen oder einfach mit einem Partner oder Freund gemeinsam leben. Doch bleibt es, dass es gesonderte Einrichtungen für behinderte Menschen sind. Statt die Situation zu verbessern, soll aufgrund des neuen BTHG Geld gespart werden. Die Unterkunft dieser Menschen kostet Geld. Viele tragen ihren Teil, so gut sie können, durch Arbeit bei. Doch benötigen wir noch mehr Geld, um die Fähigkeiten der körperlich und geistig behinderten Mitmenschen zu fördern!

Ja es ist vonnöten, dass diese Menschen entsprechend ihrer Behinderung und Fähigkeit besondere Einrichtung und Hilfe benötigen, doch Integration ist für mich, wenn “behinderte” und “andere” Menschen Tür an Tür wohnen und arbeiten könnten.

Ich bin gegen die Kürzung von Geldern für das Leben von körperlich und geistig behinderten Menschen. Ich weiß, dass sie selten an ihre Wohnqualität Wünsche haben, sie nehmen das hin. Ich bin FÜR mehr Hilfe in die Förderung der Fähigkeiten dieser Menschen!

In den letzten Jahren gab es sicherlich viele Verbesserung in den Einrichtungen für körperlich und geistige Menschen, doch es reicht noch nicht und ich fürchte mit der Gesetzesänderung, dass wir wieder rückläufig werden. Die Förderung der Fähigkeiten dieser Menschen wird wieder kürzer kommen und sich eventuell auch die Wohn- oder gar Lebensqualität somit verschlechtern.

Die Gemeinschaft des Staates scheint eine echte Integration nicht wirklich in absehbarer Zeit zu schaffen, denn sie ist bemüht, Gelder zu sparen. Doch jeder Einzelne kann einen kleinen Teil zur Verbesserung der Lebensqualität dieser Menschen, vielleicht eines einzelnen Menschen beitragen:
Vielleicht gibt es in Deiner Nähe so eine “Einrichtung”. Gehe hin, nehme Kontakt auf und frage, wie Du helfen kannst. Die Bürokratie wird es Dir nicht leicht machen, zu helfen. Frage nach, ob Du einen wichtigen Wunsch eines Bewohner erfüllen kannst. Es dürfen z. B. Geschenke angenommen werden. Mit einer Blockflöte, Triangel, Farbstiften, Papier, usw. könntest Du vielleicht einen Menschen glücklich machen und dabei seine Fähigkeiten fördern. Manchmal werden Aufsichtspersonen für Events oder Urlaubsaktionen gesucht. Keine Sorge, es werden auch professionelle Begleiter dabei sein, die sich, wie die Bewohner, auf Dich freuen.

 photo AndersundSpaszlig_zpsra1yt8dn.jpgWir sind alle anders, doch gemeinsam haben wir Freude!

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Und zum Schluss: Ob behindert oder nicht, schau einfach mal in Deine nächste Umgebung, ob Du da nicht einfach was Gutes tun kannst! Das muss nicht zu Weihnachten sein, sondern immer wieder mal.

Claire

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